Vollbeschäftigung ohne Lohninflation ist ein globales Phänomen

In wichtigen Industrieländern ist die Erholung der Wirtschaft weit fortgeschritten. Insbesondere die Arbeitslosigkeit ist stark gefallen. Es herrscht wieder Vollbeschäftigung in den USA, Großbritannien, Japan und Deutschland. In allen vier Ländern konnte die Arbeitslosenrate von Hochständen in den Jahren 2009 bis 2012 in etwa halbiert werden und liegt jetzt zum Teil unter den Niveaus vor der Krise.g4_arbeitslose

Traditionell ist ein Absinken der Arbeitslosigkeit auf Vollbeschäftigungsniveau mit einem Anstieg der Lohninflation verbunden. Im Fachjargon spricht man vom positiven Anstiegswinkel der Phillipskurve. Wie man im Chart rechts sieht, gibt es aber in allen vier Ländern so gut wie keine  Beschleunigung des Lohntrends. Er ist seit sechs Jahren stabil – in den USA, dem UK und Deutschlang bei rd. 2% und in Japan knapp über Null. Die Phillipskurve ist flach.

Dies ist auch der Hauptgrund dafür, dass in den vergangenen Jahren  die Inflationsprognosen wiederholt zu hoch waren. Immer wieder wurde fälschlicherweise angenommen, dass das Lohnwachstum zunehmen und die Inflation beschleunigen würde. Der Anstieg der Lohnstückkosten ist nachhaltig unter der von Zentralbanken angestrebten Inflationsrate von 2% geblieben.g4_-beshaeftigung

In den USA, dem UK und Deutschland ging der Aufschwung einher mit einem soliden Anstieg der Beschäftigung. Hier traf steigende Nachfrage auf ausreichendes Angebot im Arbeitsmarkt und so sind keine gravierenden Engpässe mit lohntreibender Wirkung entstanden. In Japan war der Beschäftigungsaufbau aber deutlich geringer. Ein Blick auf das Arbeitsvolumen in der Gesamtwirtschaft zeigt zudem, dass mehr Beschäftigte insgesamt weniger arbeiten. Auch in Großbritannien klafft eine große Lücke zwischen den beiden Indizes. In beiden Ländern gibt es eine starke Ausweitung der Teilzeitarbeit, zum großen Teil über Zeitarbeitsfirmen. Die Arbeitskräftenachfrage ist also im UK nur minimal gestiegen und in Japan geschrumpft, was die schwache Lohnentwicklung dort erklären könnte.g4_labour-force

Außerdem ist die Zahl der Erwerbstätigen (Labour Force) insbesondere im UK, aber in den letzten Jahren auch in Japan gestiegen, so dass bei leicht anziehenden Beschäftigungsraten die Nachfrage auch aus der stillen Reserve heraus gedeckt wird. In den USA und Deutschland ist ein ähnlicher Verlauf von Beschäftigung und Arbeitsvolumen zu beobachten. Der große Unterschied liegt hier in der Entwicklung der Beschäftigungsraten. Während Deutschland die stärkste Zunahme von einem niedrigeren Anfangswert aus erzielte, gab es in den USA eine beträchtliche Abwanderung in die Inaktivität. Die Beschäftigungsrate fiel fast 4 Prozentpunkte und hat sich erst in diesem Jahr erstmals wieder leicht erhöht.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass sich der amerikanische Arbeitsmarkt am schnellsten der Vollbeschäftigung annähert, wobei aber die Rückkehr aus der Inaktivität eine unbestimmte Größe ist und eine Überhitzung möglicherweise noch lange verhindern könnte. In Deutschland, Japan und noch mehr im UK bestehen noch stille Reserven, die für den Arbeitsmarkt aktiviert werden können. Auch historisch gesehen sehr niedrige Arbeitslosenraten bedeuten nicht zwingend, dass tatsächlich Vollbeschäftigung erreicht und Überhitzung droht, wenn stille Arbeitskräftereserven aktiviert werden können, was offensichtlich in allen vier Ländern der Fall ist. Außerdem fällt auf, dass bei unterschiedlichen fundamentalen Rahmendaten die Lohnsteigerungen ähnlich moderat bei rd. 2% liegen. Wir vermuten deshalb noch andere global wirksame Einfussgrößen. Dazu gehört der unverändert hohe Wettbewerbs- und Preisdruck in zunehmend globalisierten Märkten und die abnehmende Macht von Gewerkschaften im Lohnfindungsprozess. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern. Wir sehen in den Industrieländern keine unmittelbare Gefahr für eine nachaltige Beschleunigung der Inflation über 2%. Erst wenn wir Lohnraten über 3% p.a. sehen sollten, wäre hiermit mittelfristig mit höherer Inflation zu rechnen.trade-unions

 

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Dr. Adolf Rosenstock

Autor

Volkswirtschaftlicher Berater

Veröffentlicht am 13. Oktober 2016